Monumente Online

Ausgabe: Juli 2005

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal

(c) ML PREISS, Steffens,Meyer, Frank Architekten Leitartikel

Wand an Wand

Kritische Stimmen sehen Hellerau heute vornehmlich als begehrte Wohnlage am Stadtrand - von Gemeinsinn und Sozialreform sei nur noch wenig übrig. Nachdem die Gebäude um den Markt renoviert sind, versucht man das Festspielhaus wieder als Arbeits- und Auftrittsraum für Künstler aller Genres zu etablieren. Das Haus hat eine bewegte Nutzungsgeschichte hinter sich. Nacheinander diente es im Ersten Weltkrieg als Lazarett, ab 1938 als Ausbildungsstätte der Polizei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schließlich übernimmt die Rote Armee das Gebäude. Schon 1979 stellte man die gesamte Siedlung unter Denkmalschutz. Viel Nutzen hat Hellerau davon nicht gehabt. Das Material fehlte, mit dessen Hilfe man die Häuser denkmalschutzgerecht hätte in Schuss halten können. So wurde dann doch vieles verwendet, was nicht dem Originalzustand entsprach.

Einige wenige Häuser wirken noch heute grau und vernachlässigt. Den Charakter eines eindrucksvollen Ensembles stört dies kaum, zumal viele Häuser mittels denkmalgerechter Sanierungsarbeiten in altem Glanz erstrahlen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat sich an der Sanierung des Festspielhauses mit rund 255.000 Euro und des Pförtnerhauses der Deutschen Werkstätten mit 22.700 Euro beteiligt. Doch es bleibt immer noch genug zu tun, um einer der bedeutendsten Gartenstädte Deutschlands wieder zu neuer Blüte zu verhelfen.

Dächerkrieg zwischen alten Bäumen: Die Siedlung "Onkel Toms Hütte" in Berlin

Als der Architekt Bruno Taut am südlichen Rand Berlins 1926 mit dem Bau einer Großsiedlung beginnt, hat er keinen leichten Stand. Die Zehlendorfer Bürger samt Bezirksverwaltung sind über die Architektur des Reformarchitekten erzürnt. Sie empfinden die neuartige Bauweise als Ruck "nach links" und befürchten eine Abwertung ihres Wohngebietes durch den Zuzug ärmerer Leute. Ein Schock sind aber auch die leuchtenden Farben der Fassaden, ihre Gestaltung in strengen Geraden ohne Zierwerk. Direkt an die neue Siedlung grenzt die "Fischtalsiedlung", die das Bezirksamt ebenfalls genehmigt hat. Diese missfällt wiederum den Taut-Anhängern. Obwohl auch hier namhafte Architekten wie Walter Gropius beteiligt sind, verärgert sie die Gestaltung eines Teils der Häuser, die sie - mit steilem Dach, gewölbten Tür- und Fensterstürzen und geschmiedeten Gittern ausgestattet - als traditionell empfinden. Die Auseinandersetzungen um das zeitgemäße Bauen im Berliner Süden sind als "Zehlendorfer Dächerkrieg" in die Architekturgeschichte eingegangen.

 (c) Gehag-Archiv, Berlin
© Gehag-Archiv, Berlin
Der erhaltene Baumbestand in der Onkel-Tom-Siedlung in Berlin. Großbildansicht

Das tägliche Umfeld für den Menschen des Industriezeitalters neu zu gestalten, Architektur und Lebensform zu einer neuen Wohnkultur zusammenzuführen, dies hatte Taut bei allen Vorhaben als Ziel vor Augen. Die Onkel-Tom-Siedlung, die den Namen eines gleichnamigen Ausflugslokal im Grunewald erhielt, plante er gemeinsam mit Otto Rudolf Salvisberg und Hugo Häring. Dabei legte er großen Wert darauf, den Baumbestand des Grunewalds so weit wie möglich zu erhalten. Regellos verteilte Birken und dunkle Kiefern lockern von Anfang an die Häuserzeilen seiner Siedlung auf.

Sowohl der Baumbestand als auch die lebendige Farbigkeit der Häuser sind für viele heutige Bewohner der 1931/32 fertiggestellten Siedlung ein Grund, hier gern zu wohnen. Viele Architekten und Familien hat es hierhergezogen. Spaziert man durch die Siedlung, so bestechen noch immer die leuchtenden Farben der Fassaden. Besonders der nördliche Teil der Siedlung wirkt sehr bunt, was ihr im Volksmund bald den Namen "Papageiensiedlung" oder "Farbentopf" einbrachte. Bei der Farbgebung setzte Taut auf eine eigene Theorie. Es ging ihm dabei nicht allein um ästhetische Bedürfnisse, sondern darum, die grauen Mietskasernen und dunklen Hinterhöfe durch eine freundlichere Art des Bauens abzulösen. So benutzte er warmes bräunliches Rot für die Westseiten der Wohnstraßen und ein kühles Grün für die Ostseiten. Die unterschiedliche Farbe des Sonnenlichtes je nach Tageszeit sollte sich darin spiegeln. Der Mauerstreifen des Dachbodens wurde weiß oder gelb abgesetzt. Hinzu kommen leuchtendes Rotviolett und für die Geschossbauten und die Eckhäuser der Reihenhauszeilen Knallblau. Kleine Farbdetails sorgen für Abwechslung, etwa die Haustüren, Fensterrahmen und Handläufe an den Treppenstufen zu den Eingängen. Im östlichen und südlichen Teil gaben Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg den Gebäuden eine "gemäßigte" Farbigkeit.

Bei der Errichtung der Siedlung sorgte vor allem die 400 Meter lange Häuserzeile an der Argentinischen Allee mit 438 Wohnungen für Aufsehen. An keiner Stelle kann man den im Bogen angelegten Geschossbau, der als "Peitschenknall" bekannt wurde, in seiner Gesamtheit überblicken. Daneben prägen vor allem Reihenhäuser die Onkel-Tom-Siedlung, die Anklänge an die Architektur des Bauhauses zeigen. Die Häuser sind nur fünf Meter breit, dreigeschossig und haben ein Flachdach. Bei den kleinen Grundstücken ist ein Schwätzchen über den Gartenzaun fast unvermeidlich. Man kennt sich. Die geringe Fluktuation in der Onkel-Tom-Siedlung trägt dazu bei: Wer hier ein Zuhause gefunden hat, bleibt. Gründe dafür gibt es genug: Die Terrassen sind abgeschirmt von Nachbars neugierigen Blicken. Und Kinder können auf den ruhigen Straßen ungestörter spielen als anderswo. Geschäfte gibt es hier nicht - die Siedlung ist eine reine Wohnsiedlung. Die Nähe zur Innenstadt macht das wieder wett, die U-Bahn fährt zum KaDeWe nur 20 Minuten.

Erst in den letzten Jahrzehnten legte man auf die ursprüngliche Charakteristik der Häuser wieder größeren Wert. 1970 hatten die Küchenfenster der Reihenhäuser zu 40 Prozent ihre originale Form und zu 80 Prozent ihre originale Dreifarbigkeit verloren. Auch den "Sommerraum", die glasüberdachte Terrasse, bauten viele zu einem zusätzlichen Wohnraum um. In den 1990er Jahren wurde die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt. Mittlerweile renovieren viele Bewohner ihre Häuser im Sinne einer erhaltenden Erneuerung nach Originaldokumenten. Bei einigen hat die ursprüngliche Farbigkeit sogar im Innern ihrer Häuser erneut Einzug gehalten: Ein blaues Schlafzimmer und ein rotes Esszimmer sind heute wieder "in".

Hanna Hilger/Carolin Kolhoff/Carolin Poeplau

Kopfgrafiken: Fuggerei in Augsburg (l., Foto: ML Preiss) und Aegidienhof in Lübeck (r., Foto: steffens meyer franck architekten)

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